Fragen an den Kinderarzt Dr. Deutscher aus Düsseldorf

Herr Dr. Deutscher, vielleicht können Sie mir ja weiterhelfen. Immer mehr Eltern unserem Freundes- und Bekanntenkreis reden über Gluten und Glutenunverträglichkeit. Da habe ich ja fast ein ganz schlechtes Gewissen, dass ich mich damit noch nicht so auseinandergesetzte habe. Es fühlt sich fast so an, als hätte jeder Dritte Glutenunverträglichkeit und vor allem unter den Kindern.

DkF: Was ist denn eigentlich Gluten?

Dr. Deutscher: Es ist nicht so, dass jedes Dritte Kind in Deutschland eine Glutenunverträglichkeit hat. Jedoch gebe ich Ihnen Recht, dass mich immer mehr besorgte Eltern auf dieses Thema ansprechen.

Gluten oder Klebereiweiß ist ein Sammelbegriff für ein Stoffgemisch aus Proteinen, das im Samen einiger Arten von Getreide vorkommt. Wenn Wasser zu Getreidemehl gegeben wird, dann bildet das Gluten beim Anteigen aus dem Mehl eine gummiartige und elastische Masse, nämlich den Teig. Der Kleber hat für die Backeigenschaften eines Mehls eine zentrale Bedeutung.

DkF: Welche Lebensmittel beinhalten denn Gluten?

Dr. Deutscher: Gluten ist in den folgenden Lebensmitteln enthalten: Weizen, Roggen, Gerste (Graupen werden aus Gerste hergestellt), Dinkel, Grünkern, Emmer, Kamut (alte Sorte des Sommerweizens, auch Khorazan-Weizen genannt) und Einkorn (auch Blicken oder kleiner Schmelz gennannt, stammt von einem Wild-Weizen ab).

Kinderarzt Dr. Deutscher aus Düsseldorf

Dres. Kerstin und Jens Deutscher, Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin

DkF: Bei Glutenunverträglichkeit fällt auch meist gleich die Vermutung, die Kinder hätten Zöliakie. Was ist das genau?

Dr. Deutscher: Die Zoeliakie (glutensensitive Enteropathie) ist eine immunologisch vermittelte Darmerkrankung, die durch die Aufnahme von glutenhaltigen Nahrungsmitteln in genetisch veranlagten Personen ausgelöst wird. Durch das glutenhaltige  Getreide wird eine Entzündung der Dünndarmschleimhaut ausgelöst, die im Verlauf zu einer Schädigung mit Schleimhautrückbildung führt.

Bei vollständig glutenfreier Ernährung erholt sich die Dünndarmschleimhaut in aller Regel vollständig und die Symptome, wie Bauchschmerzen, Durchfälle etc. sind verschwunden.

DkF: Wie oft kommt diese Krankheit vor?

Dr. Deutscher: In den meisten europäischen Ländern und in Nordamerika liegt der Anteil an Patienten mit einer Zoeliakie bei ca 1% der Bevölkerung, wobei Mädchen doppelt so häufig betroffen sind wie Jungen. Die Erkrankungshäufigkeit hat allerdings in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Nach Schätzungen sind weltweit ca 10 Mio Menschen von der Zoeliakie betroffen. In Deutschland wir die Anzahl der Zoeliakie bei Kindern und Jugendlichen auf 0,9% geschätzt.

DkF: Wie erkenne ich, ob meine Kind Zöliakie oder Glutenunvertäglichkeit hat?

Dr. Deutscher: Die Symptome sind heute sehr vielfältig und zeigen eine hohe Variabilität. Die Erkrankung kann sogar ganz ohne Symptome einhergehen.

Die klassische Form der Zoeliakie mit schwerer Gedeihstörung  macht ca. 10-20 % der Fälle aus. Die Kinder zeigen nach Einführung der glutenhaltigen Beikost gehäuft voluminöse, fettglänzende, übelriechende und dünne Stühle. Zudem fallen die Kinder durch schlechte Laune und anderen Verhaltensauffälligkeiten auf.

Aber auch chronische Verstopfung, Müdigkeit, wiederkehrende Bauchschmerzen, Kleinwuchs, chronische Übelkeit, geblähtes Abdomen, Muskelschwäche und viele weitere Symptome und Laborveränderungen,  können hinweisend auf eine Zoeliakie sein.

Zudem gibt es Risikogruppen für eine Zoeliakie. Hierzu gehören z.B. das Down-Syndrom und andere genetische Erkrankungen. Außerdem Autoimmunerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 1, Rheumathoide Arthritis und andere.

DkF: Bei der Vielfältigkeit an Symptomen, wie stellen Sie dann fest, ob eine Glutenunverträglichkeit oder sogar Zöliakie bei einem Kind vorliegt?

Dr. Deutscher: Die Diagnostik stützt sich auf mehrere Faktoren. Bei einem Verdacht auf Glutenunverträglicheit muss zunächst eine ausführliche Anamnese vorangestellt werden. Dies beinhaltet zunächst eine gute Symptombeschreibung und ggf. ein Ernährungsprotokoll um Zusammenhänge zu den Beschwerden festzustellen. Der nächste Schritt ist eine Blutentnahme um Antikörper gegen Gluten nachzuweisen. In Einzelfällen ist auch eine Molekulargenetische Untersuchung des Blutes notwendig, da die Laborwerte nicht immer eindeutig sind. Als sichere Nachweismethode gilt die Dünndarmbiopsie, das heißt, dass mit einem flexiblen Schlauch in Narkose Schleimhautproben aus dem Dünndarm genommen werden. Die Mikroskopische Untersuchung dieser Proben zeigen bei einer Zöliakie typische Auffälligkeiten.

Die Beschwerden sollten dann nach Einführung der glutenfreien Kost vollständig verschwinden.

Ganz wicht ist, die Diagnostik muss in jedem Fall vor der Diät erfolgen.

Die Therapie besteht aus einer lebenslangen glutenfreien Diät. Als glutenfrei, gelten Lebensmittel, die weniger als 20 mg Gluten pro Kilogramm Endprodukt enthalten. Auch Reste von Gluten, die bei der Herstellung von Nahrungsmitteln noch an eigentlich glutenfreien Nahrungsmitteln haften, können Beschwerden auslösen

DkF: Wenn man sich dann aber an alles hält, was bei einer Unverträglichkeit erforderlich ist, entwickeln sich die Kinder normal?

Dr. Deutscher:  Ja, wenn eine strenge Diät eingehalten wird, entwickeln sich die Kinder völlig altersentsprechend normal, Wachstum und Gewichtsentwicklung sind dann unauffällig.

 DkF: Ein positiver Test auf Glutenunverträglichkeit oder sogar Zölliakie bedeutet eine große Ernährungsumstellung für die ganze Familie. Was kann man dann überhaupt noch essen?

Dr. Deutscher:  Hier gibt es mehr als man denkt. Glutenfrei sind z.B. Mais, Reis, Buchweizen, Hirse und Maniok. Aber auch Obst und Gemüse, Kartoffeln, Soja, Sesam, Milch, Butter, Eier, Fleisch, Fisch, Honig und Nüsse.

Es gibt allerdings viele versteckte Glutenquellen in eigentlich glutenfreien Nahrungsmitteln. Z.B. werden zu Käse, Quarkspeisen, Fruchtjoghurts oder Wurst bei der Weiterverarbeitung Weizenprodukte zugesetzt. Hier muss man sehr vorsichtig sein, da wie bereits erwähnt kleine Mengen an Gluten sofort neue Beschwerden verursachen können.

Bei nachgewiesener Zoeliakie muss zwingend eine eingehende Ernährungsberatung durchgeführt werden. Hier kann eine professionelle Ernährungsberatung z.B. angegliedert an ein kindergastroenterologisches Zentrum einer Kinderklinik helfen. Viel ist aber auch im Internet nachzulesen, so z.B. über die Deutsche Zoeliakie-Gesellschaft (https://www.dzg-online.de)

Unter einer konsequent glutenfreien Diät kommt es bereits nach kurzer Zeit zu einer deutlichen Besserung der Symptomatik. Auch im Blut lassen sich nach 3-12 Monaten keine Antikörper gegen Gluten nachweisen.

DkF: Gibt es etwas was man als Eltern zur Vorbeugung machen kann?

Dr. Deutscher: Aus Studien ergab sich die Vermutung, dass der Zeitpunkt der Beikosteinführung im Säuglingsalter einen Einfluss auf das Zoeliakierisiko hat.

Aus 2 großen europäischen Studien ergab sich die Schlussfolgerung, dass

  1. Stillen kein Einfluss auf das Zoeliakierisiko hat. Stillen zeigt in allen Studien keinen protektiven Effekt. Trotzdem sollte natürlich, wenn möglich, aufgrund der vielen Vorteile, das Stillen weiter unterstützt werden.
  2. Gluten kann zwischen dem 4, und dem vollendeten 12. Lebensmonat eingeführt werden. Es spielt dabei keine Rolle, ob während der Einführung gestillt wird oder nicht. Es gibt keine Empfehlung welche Menge Gluten in der Beikost eingeführt werden sollte. Die Gabe größerer Mengen Gluten im ersten Lebensjahr, bzw. zu Beginn der Beikosteinführung, sollte jedoch  vermieden werden.

Als generelle Empfehlung gilt, dass die Beikost zwischen dem 4. Und 6. Vollendeten Lebensmonat eingeführt werden sollte. Ohne Hinweise in der Familie sollte auch glutenhaltiges Getreide zugefüttert werden.

DkF: Ist denn aber auch wirklich alles Glutenunverträglichkeit, bzw. Zöliakie? Ich höre oft, dass Kinder nur Weizen nicht vertragen würden.

Dr. Deutscher: Neben einer klassischen Zoelikaie gibt es weitere Ursachen einer Unverträglichkeit gegenüber Weizen. Eine Weizenallergie oder auch Nicht-Zoeliakie-Weizensensitivität ist vermutlich nicht durch Gluten ausgelöst, sondern durch andere, im Weizen enthaltene Auslöser. Während die Weizenallergie durch spezifische Blutuntersuchungen nachgewiesen werden kann, gibt es bei der Nicht-Zoeliakie-Weizensensitivität keine aktuell gute Nachweismethode.

DkF: Was raten Sie uns Eltern, wenn wir das Gefühl haben, die Kinder vertragen etwas nicht?

Dr. Deutscher: Zunächst sollten Sie immer erst mit Ihrem Kinderarzt sprechen, bevor Sie etwas Grundsätzliches an der Ernährung Ihrer Kinder ändern. Ihr Kinderarzt wird mit Ihnen die Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie durchsprechen und Sie beraten. Nach einer ausführlichen Beratung und entsprechenden Hinweisen auf eine Allergie oder Unverträglichkeit ist zunächst eine Blutentnahme richtungsweisend für das weitere Vorgehen. Ggf. wird Sie der Kinderarzt bei weiteren Unklarheiten an eine Kinderklinik mit Spezialisierung auf Gastroenterologie (Magen-Darm-Erkrankungen) überweisen.

Zusammenfassend besteht aktuell kein Hinweis darauf, dass eine glutenfreie Ernährung insbesondere im Säuglings- und Kleinkindalter einen schützenden Effekt auf die Entwicklung der Erkrankung hat. Somit ist eine glutenfreie Ernährung nicht notwendig und hat auch keine Vorteile. Bei entsprechenden Symptomen sollte eine gute Diagnostik bei einem Kinderarzt durchgeführt werden und bei Diagnosestellung entsprechend glutenfrei ernährt werden.

Hervorzuheben erscheint mir jedoch, dass die Diagnose der Erkrankung  nur unter einer glutenhaltigen Ernährung möglich ist.

Vielen Dank Herr Dr. Deutscher für diese ausführlichen Informationen.

War das hilfreich?

Ich hoffe, für Euch waren die Antworten zu dem Thema Glutenunverträglichkeit und Zoeliakie hilfreich. Falls Ihr noch Fragen habt, vereinbart am besten einen Termin in der Sprechstunde.

Falls Ihr mehr vom Kinderarzt Dr. Deutscher lesen möchtet, dann schaut doch mal bei seinen Tipps zur Reiseapotheke vorbei. Diese Auflistung hilft mir jedes Mal auf’s Neue nichts zu vergessen.

Liebe Grüße
Eure Nicole

Zur Person:

Dres. Kerstin und Jens Deutscher sind Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin in Düsseldorf Oberkassel wir gehen schon seit der Geburt unserer beiden Kindern zu den beiden und sind sehr zufrieden. Mehr Informationen über die Praxis der beiden findet Ihr unter http://www.die-kinderaerzte-oberkassel.de

Das Praxisteam Kinderärzte Dres. Dr.Kerstin und Jens Deutscher

Das Praxisteam Dres. Dr.Kerstin und Jens Deutscher

 

Glutenunverträglichkeit und Zöliakie - Fragen an den Kinderarzt

 

 

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